90. Internationale Freundschaftstreffen in Tallin

Über die Organisierung eines Freundschaftstreffens in einer der Baltenrepubliken wurde über mehrere Jahre hinweg diskutiert. Erst nachdem zusätzliche Informationen vor Ort eingeholt wurden, empfahl Dr. Fritz Schur zusammen mit dem Notabeln J. Strasser dem Präsidium, das 90. Freundschaftstreffen in der estnischen Hauptstadt Tallinn stattfinden zu lassen. Die Anzahl der Anmeldungen überstieg alle Erwartungen; 89 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden durch das vielfältige Programm des Treffens angelockt. Die meisten von uns kamen per Flugzeug; der Weg vom Flughafen zum Hotel ist im Vergleich mit anderen Städten kurz. Das Hotel Telegraf, umgebauter früherer Sitz des Postamtes in der Innenstadt, bot allen eine sehr angenehme Unterkunft.

 

Der erste Abend zeichnet sich stets durch seine freudige Atmosphäre aus. Die Veranstalter hatten ein interessantes Lokal in mittelaterlichem Stil mit einer Auswahl an mittelaterlichen Gerichten ausgesucht. Das Essen war vielen von uns in der Tat unbekannt, so dass das Abendessen zu einer Verkostung von Gerichten wurde, die für die meisten unter uns nahezu exotisch wirkten. Wir hatten die Möglichkeit, Biersorten zu kosten, die nach mittelalterlicher Rezeptur gebraut wurden. Und das Bier? Die Anzahl der geleerten Krüge zeugte davon, wie es allen schmeckte.

Am Freitag bildeten wir nach dem Frühstück kleine Gruppen, für welche die einheimischen Stadtführer eine Stadtbesichtigung vorbereitet hatten. Wir wurden im Vorfeld der Exkursion gewarnt, dass geeignetes Schuhwerk vonnöten ist; dies erwies sich als ein sehr guter Rat, denn die Straßen sind mit Stein gepflastert, was das Spazieren nicht gerade erleichtert. Der ganze historische Teil der Stadt gehört zum Kulturerbe der UNESCO; in den letzten 20 Jahren wurde er mithilfe europäischer Gelder und unter großem Einsatz der Stadtverwaltung aufwendig renoviert. Es folgte ein Besuch in der Brauerei Saku. Ich kann es mir gut vorstellen, unter welchen Bedingungen hier vor 20 Jahren Bier hergestellt wurde und wie es um die Produktion bestellt war. Die Brauerei bildet jetzt einen Teil der Carlsberg Gruppe. Heute handelt es sich um eine moderne Brauerei, die eine breite Palette von Biersorten, Mineralwasser und alkohol-freien Getränken herstellt. Einige Produkte von diesem reichen Sortiment durften wir anlässlich einer Verkostung probieren, welche die Leitung der Brauerei für uns vorbereitet hatte. Es folgte eine interessante Diskussion, bei der wir mehr über die Geschichte und über künftige Entwicklungspläne der Brauerei erfuhren. Für die Carslberg-Gruppe ist die Arbeit in der Brauerei Saku ein guter Test: Wer sich bewährt, hat gute Aufstiegschancen innerhalb der Gruppe.

Wie bei jedem Freundschaftstreffen bildet die Inthronisation den Höhepunkt des Programms; diesmal fand sie im Schloss Kadriog statt, das eine sehr interessante Geschichte hat. Im Jahre 1710 eroberte Russland unter Zar Peter I. Estland, das zuvor Schweden gehörte. Im Sommer 1718 gab der Zar den Auftrag, zwischen dem Klint von Lasnamäe (deutsch Laaksberg) und der Ostsee ein Barockschloss und ein Parkensemble als seine Tallinner Sommerresidenz anzulegen. Noch im 19. Jahrhundert war Kadriorg trotz Schloss und Park eine Tallinner Vorstadt der unteren Schichten. Hier finden auch die berühmten estnischen Sängerfeste statt. An der Ostsee wurde im Jahre 1902 das Denkmal Russalka des estnischen Bildhauers Amandus Adamson eingeweiht. Heute ist Kadriorg eine privilegierte städtische Wohngegend mit zahlreichen aufwändig renovierten Holz- und Steinhäusern des 19. und 20. Jahrhunderts. Schloss Kadriorg beherbergt heute das estnische Museum für ausländische Kunst. Im kleinen ehemaligen Wohnhaus Zar Peters I. ist ein Museum eingerichtet, das seinem Leben gewidmet ist. Herr Dr. Mart Laar, Minister der estnischen Regierung, wurde eingeladen, eine Festrede über Geschichte, Kultur und Bierkultur Estlands bei der Inthronisation zu halten.

 

 

Die Rede:

Als erstes muss ich sagen, dass die estnische Geschichte sehr interessant ist. Das sagen alle, denn Estland liegt an der Grenze großer Zivilisationen, der russischen und der westlichen. Und auch an den Handelswegen von Ost nach West, von Nord nach Süd; es ist damit eine sehr günstige Lage. Natürlich muss man hinzufügen, dass die estnische Geschichte meist eher für Historiker interessant ist. Wenn man in diesem Land lebt, ist das Wort „interessant“ nicht so gut gewählt. Denn man wird immer angegriffen, erobert, niedergebrannt, wieder aufgebaut, wieder niedergebrannt und wieder aufgebaut, um es mal kurz zusammenzufassen. Bis zum 12. Jahrhundert existierten wir als Esten. Wir hatten eine gute Wikinger-Zeit. Die Schweden und Dänen waren christianisiert, es war günstig, sie anzugreifen, wie haben ihnen alles weggenommen, die Kirchen niedergebrannt, ihre Wertsachen weggenommen, ihre Frauen mitgenommen, und dann haben wir uns gewundert, warum das christliche Europa unsere Vorgehensweise nicht billigen konnte. Dann hatten wir Kreuzzüge. Im Laufe von 20 Jahren kämpften wir gegen ganz Europa, die Dänen, die Schweden, die deutschen Kreuzritter. Nach dieser Zeit sind wir allerdings etwas zivilisierter geworden. Sie brauchen also diesbezüglich keine Angst mehr zu haben.

Unsere Bierkultur begann genau damals, in der Zeit dieser Kreuzzüge. Die wichtigste Schlacht fand nämlich in Tallinn statt, wo sich die heutige Altstadt befindet, nicht weit von dem Hotel Telegraaf entfernt. Der dänische König wurde von dem römischen Papst beauftragt, Estland zu christianisieren. Er rief ein großes Heer zusammen, eines der größten dieser Zeit, und kam mit diesem nach Tallinn. Wir Esten waren sehr freundlich – Sie sehen ja, wir sind sehr freundliche Menschen – wir sagten: „Kein Krieg, lasst uns in Frieden leben, alles soll gut und friedlich sein“, und wir brachten viele Geschenke. Und glaubt man unseren Historikern, dann bildeten einen Teil dieser Geschenke Getränke, nämlich Bier. Ein starkes Bier. Und gibt man einem Dänen dieses Bier, dann beginnt das große Feiern. Nach zwei Tagen waren alle Dänen betrunken und dann kamen wir nochmal vorbei, diesmal nicht mit Bier als Geschenk, sondern mit allem ausgerüstet, womit man töten kann. Wir sammelten ein Heer und griffen in der Nacht an. Es war eine gute Schlacht, wir haben fast alle getötet. Doch dann passierte etwas: Ein professioneller Teil der Armee der Dänen hatte nichts getrunken, sie schliefen in dieser Nacht und hatten ihr Lager etwas weiter weg aufgebaut. Das haben wir in der Dunkelheit leider nicht gesehen. Es war eine Armee mit schwer ausgerüsteten Rittern. Sie hatten etwas Zeit, sich vorzubereiten, und dann ging das ganze schlecht für uns aus. Nach diesem Ereignis mögen wir in Estland keine Menschen, die nicht genug Bier trinken. Denn wir waren die Verlierer dieser Schlacht.

Aber das ist heute Geschichte. Danach begann für uns die deutsche Zeit, dann die schwedische Zeit, danach die polnische Zeit, danach folgte die schwedische Zeit, danach die russische Zeit, dann wieder kurzzeitig die deutsche Zeit, dann folgte die estnische Selbstständigkeit im 20. Jh. Zwanzig Jahre lang waren wir selbstständig und entwickelten uns sehr gut. Dann kamen die Kommunisten, danach die Nationalsozialisten, dann wieder die Kommunisten, danach zwei Tage lang estnische Selbstständigkeit, dann kamen erneut die Kommunisten, sie blieben dann fünfzig Jahre lang, und danach hatten wir unsere Selbstständigkeit zurück. So, das war ein sehr kurzer Überblick. Wir waren vier Mal nah an der Grenze, nicht mehr als Nation zu existieren, denn sehr viele Menschen sind in den Kriegen getötet worden. Unter der letzten sowjetischen Herrschaft verloren wir 20% unserer Bevölkerung, darunter auch unsere deutsche Minderheit. Wir hatten damals in Estland eine sehr aktive deutsche Minderheit, doch wir verloren sie alle. Ein Teil von ihnen ging nach Deutschland, der andere Teil nach Sibirien. Selbstverständlich nicht freiwillig. Das war auch ein Teil unserer Geschichte.

Zu Beginn unserer Selbstständigkeit ging es uns nicht gut, das Land war kaputt. Die Situation war so schlecht, dass die Menschen auch kein Bier trinken wollten, denn es war so schlecht. Man musste schon einen starken Charakter haben, um in Sowjet-Estland ein Bier zu trinken. Die Saku-Brauerei war die erste, die begann, Bier zu brauen. So wurde sie sogar zu einem Symbol der Wiedergeburt Estlands. Nach zwanzig Jahren hat sich das Land sehr stark verändert. Wir hatten eines der höchsten Entwicklungsniveaus unter den ehemaligen kommunistischen Ländern in Ost- und Mitteleuropa. Wir sind ein vollwertiges Mitglied der NATO, wir sind ein vollwertiges Mitglied der Europäischen Union, wir sind Mitglied der Euro-Zone, unser Land ist sehr gut integriert. Und es geht uns gut. Und ein Teil dieses Wohlstandes bedeutet auch, dass Saku immer besseres Bier braut.

Damit muss ich meinen Überblick über die estnische Kultur, Geschichte und Biertradition leider beenden. Ich wünsche Ihnen sehr schöne Tage in Tallinn und bin sicher, dass Sie eine gute Zeit hier haben werden. Ich wünsche Ihnen alles Gute und entschuldige mich, dass ich so rasch wieder weg muss.


In dieser schönen Atmosphäre führte der Präsident des BCI, Herr Dr. Fritz Schur, unter musikalischer Begleitung des estnischen Ensembles „Edelweiß-Quartett“ drei Novizen in den festlich geschmückten Saal ein. In seiner einleitenden Ansprache errinnerte Dr. Schur an die Ziele des BCI in der heutigen Zeit sowie an die Verpflichtungen neuer Mitglieder – Notabeln. Es folgte die feierliche Aufnahme in den BCI. Der Reihe nach wurden die Herren Bernd Geldmacher (Laudatio durch den Notabeln René Faessler), Christian von der Heide (Laudatio durch den Notabeln Dr. Willy Buholzer) und Erich Wimmer (Laudatio duch den Notabeln Prof. Horst Wurm) aufgenommen. Unter musikalischer Begleitung wurde der Notable Heiner Jordan aufgerufen, der aus den Händen des Präsidenten Dr. Fritz Schur die Goldene Nadel als Anerkennung für 25 Jahre Mitgliedschaft im BCI in Empfang nahm. Es folgte die Verleihung der Silbernen Nadel an den Notablen Hans Gmachl als Anerkennung für seine Arbeit im BCI. Der Festakt wurde traditionsgemäß durch ein gemeinsames Photo und durch Gratulationen aller Anwesenden an die neuen Notabeln beendet.

Am Samstag Vormittag folgte ein weiterer Höhepunkt unseres Freundschaftstreffens – die 42. ordentliche jährliche Tagung des BCI. Die Tagung fand im „Krönungssaal“ des „Lehrerhauses“ statt. Anwesend waren 42 Notabeln; insgesamt gibt es stimmberechtigte 145 Notabeln. Das Protokoll wurde jedem Mitglied des BCI ausgehändigt, und so fassen wir nur kurz zusammen. Es wurde ein neues Präsidium gewählt, gebildet von Dr. Fritz Schur, Paul Greineder, Andreas Rothacker, Seinosuke Kuraku, Stanislav Procházka. Die Organisatoren konnten als Abschluss ein wunderschönes Kulturerlebnis bieten. Wir gingen gemeinsam in das estnische Nationaltheater, um die Oper ‘Tosca’ zu sehen. Während der beiden Pausen stand dem BCI der „Blaue Salon“ zur Verfügung, wo ausgezeichnete Erfrischung bereitlag. Nach der Vorstellung war der Abend aber noch nicht zu Ende. Die kleineren, aber umso freundlicheren Räumlichkeiten des Hotels „Telegraf“ luden zu freundschaftlichem Beisammensein geradezu ein. Dieser Abend war nach der Meinung der Anwesenden ein großer Erfolg.

Ich hoffe, dass alle Teilnehmer am Freundschaftstreffen in Tallinn Erinnerungen an dieses schöne und in der Vergangenheit viel geprüfte Land bewahren.




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